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Tabakscheune Neibsheim

Vor zwei Generationen muss es in diesem Haus geduftet haben wie in einer Zigarrenkiste, trocknete doch hier jahraus, jahrein Tabak für die badische Kopie der berühmten Havanna. Damals zogen sich die Schnüre, auf die man die Tabakblätter fädelte, über vier Stockwerke. Geschossdecken oder Trennwände wären für das Unterfangen nur hinderlich gewesen, stattdessen balancierten die Bauern über 40 Meter Länge auf Laufbohlen. Von Tabak scheunen erwartete man vor allem Platz, Luft und Regenschutz, also viel Raum bei wenig Masse – und genau das begeisterte Florian Blümig.

„Viele dieser imposanten Bauten“, so der 38-jährige Architekt, „wurden mit der Zeit von Ortschaften verdrängt, doch dieser hier hatte einfach eine tolle Lage.“ Tatsächlich steht seine Tabakscheune allein auf weiter Flur zwischen Weizenfeldern und Streuobstwiesen am Rande des 2000-Seelen-Dorfes Neibsheim, das sich bescheiden in eine Senke duckt. Zweckarchitektur lässt sich schwer anders nutzen, und so taugte das Gebäude jahrelang allenfalls als heimlicher Treffpunkt für die Dorfjugend und gefährlicher Abenteuerspielplatz. „Irgendwann muss es im Erdgeschoss auch mal jemand mit Legehühnern probiert haben“, erzählt Blümigs Frau Carola. Der Gemeinde war die Scheune ein Klotz am Bein, schließlich musste man den Bauzaun bezahlen und nach dem Rechten sehen. Als der Architekt sein Traumobjekt entdeckte, war die Abrissgenehmigung bereits erteilt. Doch dank eines Bürgermeisters, der alles Alte verehrt, und der Begeisterung des Denkmalschutzamtes durfte er loslegen, auch wenn sich die Mühlen der Verwaltung nur sehr ungern rückwärts drehen.

Wie geht man mit einem Bau um, in dessen Bauch acht Siedlungshäuschen Platz hätten – zumal der Charakter gewahrt werden sollte? Die konsequente Lösung: Blümig übernahm das Prinzip des Tabakspeichers auch fürs Wohnhaus und ließ viel Luft. Der untere Teil des Gebäudes blieb Scheune. Durch große Schiebetore kann man mit dem Auto hineinfahren, Fahrräder parken, Stückgut für die Heizung lagern. Als Hof unterm Haus begnügt sich das Erdgeschoss hinsichtlich des Bodenbelags mit Schotter und einem Pflasterstreifen. Offene Treppen, Arbeitsbühnen und Laufbohlen blieben so weit wie möglich erhalten. „Zum Wohnen wurden zwei Penthäuser wie Wespennester eingehängt“, so Blümig. Da die Kokons einen Meter Abstand zu den Außenwänden der Scheune halten und auch am Dach nicht anliegen, kann Luft um sie zirkulieren und durch die 30 Meter lange Laterne auf dem First entweichen – das System, das einst Tabakblätter trocknete, kühlt jetzt Lofts.

„So ein Haus aus Holz ist ein wenig wie ein Schiff – es raunt, knarzt und bebt leicht im Wind“, erzählt Florian Blümig. Mit rund 480 Quadratmeter Breitseite bietet es eine enorme Angriffsfläche. Zwar wurden alle Lamellen sturmgesichert, doch 2007 hat der Orkan Kyrill dem Gebäude trotzdem zugesetzt. Seither verfolgt der Hausherr mit einem Ohr den Wetterbericht. „Man hat hier einfach von allem mehr: mehr Sonne, mehr Regen, mehr Gewitter. Überhaupt mehr Naturerlebnisse.“ Da ist das vom Baulärm vertriebene Falkenpärchen, das sich allmählich wieder blicken lässt. Rehe, Hasen, Igel und Fasane ließen sich erst gar nicht stören. Selbst die Ameisen wollten von ihren Routen zuerst nicht abrücken und kletterten an einem der Pfosten quer durch alle Geschosse. Drinnen und draußen lassen sich bei der Tabakscheune überhaupt schwer trennen, schließlich war ein Holzbau immer eher Wetterhaube als vollwertiges Gebäude. Gern trifft sich die Familie heute auf den Bühnen zwischen den Wohnungen, wo man noch im Haus, aber auch schon halb im Freien sitzt. Lieblingsplätze sind auch die Aussichtsplattformen, die der Architekt dem Denkmalschutzamt abgerungen hat. Schwindelfrei muss man schon sein für diese echten Außenposten, auf denen man irgendwo zwischen Kornfeld und Himmelszelt schwebt.

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